Jacques Offenbach:
Ein Kölner Weltstar
Jacques Offenbach (1819–1880) war Komponist, Cellist und der Schöpfer der modernen Operette. Geboren in Köln, wurde er in Paris zum gefeierten Star des 19. Jahrhunderts. Seine Werke verbinden Witz, Satire und Virtuosität – und begeistern bis heute.
Von Köln nach Paris –
Offenbachs Lebensweg
Offenbach kam 1819 am Großen Griechenmarkt in Köln zur Welt. Schon früh zeigte er außergewöhnliches musikalisches Talent und spielte gemeinsam mit seinen Geschwistern in Kölner Cafés. Mit 14 Jahren zog er nach Paris, wo er als Cellist und Komponist Karriere machte. Offenbach gründete das „Théâtre des Bouffes-Parisiens“ und revolutionierte die Musikszene mit seiner Operette. Trotz internationaler Erfolge blieb Köln immer Teil seiner Identität. 1880 starb er in Paris, ohne die Premiere seiner großen Oper „Hoffmanns Erzählungen“ noch zu erleben.
Ein Werk voller Leichtigkeit und Tiefe
Jacques Offenbach komponierte über 650 Werke – darunter „Orpheus in der Unterwelt“ mit dem berühmten Can-Can, „Die schöne Helena“ oder „Hoffmanns Erzählungen“. Seine Musik ist geprägt von satirischem Witz, schwungvollen Melodien und einem feinen Gespür für gesellschaftliche Themen. Offenbach gilt als Vater der Operette und als Brückenbauer zwischen Unterhaltung und Kunst.
Der Mozart des Domplatzes:
Eine Würdigung von Thomas Höft
Über die dringende Notwendigkeit einer Kölner Offenbach-Pflege
Das ist schon eine wirkliche lustige und wirkliche traurige Geschichte mit dem großen Jacques Offenbach: Er erfand ein ganz eigenes musikalisches Genre, das ihn weltberühmt und reich machte: die Operette. Das Publikum liebte ihn, Kollege Rossini nannte ihn gar den „Mozart der Champs-Élysées”, und um Einfälle war der Meister nie verlegen. Doch wirklich ernst genommen, wirklich geachtet zu werden, das gelang Jacques Offenbach zu Lebzeiten nicht. Ja, er verlor schließlich sogar sein Theater, er verlor sein Vermögen, als sich die Zeiten änderten und statt Weltläufigkeit der Nationalismus zum neuen Ideal wurde. Der Kölner Jude Offenbach konnte und wollte da nicht mithalten. Und so endete sein Leben so tragisch, wie es zuvor glücklich gewesen war.
Kölner Kind
Jakob Offenbach stammt aus Köln, aber leider halten sich die Kölner das heute nicht wirklich zu Gute, dabei entspricht der Komponist doch so ganz dem, was sie sich unter dem echten „rheinischen Frohsinn” nur zu gerne auf die Fahnen schreiben. In einer Abwandlung von Rossinis Zitat sollte man ihn den „Mozart des Domplatzes” nennen. Tatsächlich erlebte der junge Jakob, der als siebtes von zehn Kindern seiner Eltern in der Domstadt aufwuchs, seine musikalische Prägung in den Wirtshäusern der Stadt. Denn dort spielte sein Vater Isaac zur Unterhaltung auf. Eigentlich hatte Isaac Buchbinder gelernt, war aber hochmusikalisch. Als Kantor der jüdischen Gemeinde genoss er einen hohen Ruf, und in den Gasthäusern Kölns war er ein willkommener Musikant. Seinen eigentlichen Familiennachnamen „Eberst” hatte er in „Offenbach” geändert, aus dieser Stadt war die Familie vom Main an den Rhein gezogen. Seine Kinder erhielten schon früh eine musikalische Ausbildung und zogen schon von klein auf mit dem Vater spielend und singend durch die Kneipen. Dabei war Jakob nicht das einzige talentierte Kind, sein älterer Bruder Julius stand ihm in nichts nach.
Aus Jakob wird Jacques
Auch Julius bekam einen Platz am Konservatorium - er reüssierte später als Violinist und Dirigent. Und die Brüder französisierten bald ihre Vornamen in Jacques und Jules, denn Antisemitismus war in Paris ein verbreitetes Übel. Aber das Studieren war beiden sehr schwer, denn die Brüder mussten sich alleine durchschlagen, hatten kaum Einkommen. So spielte Jacques immer öfter zur Unterhaltung auf wie in Köln, nur dass es diesmal in die Varietés und zwielichtigen Etablissements der Seine-Stadt ging. Dort hatte der junge Mann bald Erfolg, und je begehrter der Cellist als Abendunterhalter wurde, je häufiger man ihn auch in die großen Salons einlud, wo er mit seinem virtuosen Cellospiel begeisterte, desto weniger vermochte ihn das akademische Studium noch zu fesseln. Die Walzer und die Polka, die Rossini-Salonbearbeitung und die Celloduos im heutigen Programm verweisen auf diese wichtige Periode im Schaffen des Komponisten. Schließlich warf Offenbach, ohne einen Abschluss zu machen, das Studium ganz hin.
Pariser Idol
Auf dem freien Markt entdeckte der junge Jacques Offenbach bald auch die Theater der Stadt. Als Cellist wurde er in verschiedenen Orchestern angeheuert und bald darauf auch mit der Einstudierung und schließlich mit der musikalischen Leitung von Stücken betraut. 1850 schließlich avancierte er zum Kapellmeister der Comédie-Française, ein rasanter Aufstieg. Doch für Jacques Offenbach war das nicht genug. 1855 war die Weltausstellung in Paris zu Gast, und Offenbach spielte auf volles Risiko: Der Theatervirus hatte den jungen Mann völlig erfasst. So gründete er das „Théâtre des Bouffes-Parisiens”, investierte fast sein ganzes Geld, heuerte die brillantesten Geister der Komödie an und ein paar wenige hinreißende Schauspieler und plante sein erstes Programm. Der Theatermarkt der Stadt Paris war streng geregelt. Es gab nicht nur eine Zensur, der jedes Stück vorgelegt werden musste, sondern auch gnadenlose Regeln zur Besetzung, die nur ein ganz kleines Ensemble und wenige Musiker gestatteten. Offenbach machte diese Einschränkungen zur Tugend und lieferte mit dem kurzen Einakter „Les deux Aveugles”, „Die beiden Blinden”, einen fantastischen Erfolg ab, der dank der internationalen Besucher bald durch die Hauptstädte Europas kolportiert wurde. Und als drei Jahre später „Orpheus in der Unterwelt” mit dem bestürzend frivolen Can-Can herauskam, war Offenbach der Komponist der Stunde. Seine Werke wurden in zahllosen Städten nachgespielt, Offenbach entwickelte sich zum Operettenunternehmer mit einer geradezu abenteuerlichen Produktionsdichte. Stück folgte auf Stück, Erfolg auf Erfolg, obwohl oder vielleicht gerade weil er mit seinen fantastischen Librettisten Ludovic Halévy und Henri Meilhac die bigotte Wirklichkeit des 2. Kaiserreichs unter Napoleon III. bissig und anklagend, entlarvend und schonungslos aufs Korn nahm.
Die Großherzogin von Gerolstein
1867 war der Zenit des Erfolges erreicht, als „La Grande-Duchesse de Gérolstein” Premiere hatte und zahllose gekrönte Häupter Europas der Premiere beiwohnten. Vieles kam zusammen, um diesen Erfolg zu begründen und die Premiere zur glanzvollsten in Offenbachs Leben zu machen. Da war zuerst seine ‚Großherzogin‘ Hortense Schneider. Eigentlich hatte die singende Schauspielerin aus Bordeaux mit dem gewissen Etwas im Alter von kaum 31 Jahren der Bühne schon den Rücken gekehrt, da konnte sie ihr alter Maestro doch noch einmal zur Rückkehr in sein Varieté-Theater bewegen. Es war ein glanzvolles Comeback, gesäumt von Rollen, die ganz auf ihre Fähigkeiten zugeschnitten waren: die schöne Helena, Boulotte im ‚Blaubart‘ und schließlich - als Krönung - die Großherzogin. Die Schneider war selbst eine Femme fatale - auf der Bühne wie im Leben. Ganz Paris lag ihr zu Füßen, und das bedeutete 1867: die Welt. Wer hier herzhaft lachte, war selbst der Düpierte. Eben jene Fürsten deutscher Kleinstaaten, deren Militarismus und absolutistisches Gebaren mit der Großherzogin des Eifelstädtchens Gerolstein durch den Kakao gezogen wurden, fanden sich zur Weltausstellung in Scharen in Paris ein. Natürlich besuchten sie Offenbachs Varietés und amüsierten sich. Sie erst kreierten die Erfolgswelle, auf der Offenbachs Großherzogin schwamm - nicht zuletzt deshalb, weil ‚La Schneider‘ mit einigen der gekrönten Häupter (und nicht nur mit diesem ihrer Körperteile) skandalträchtige Liaisons begann.
Offenbachs Ende
Doch mit diesem Höhepunkt begann auch Offenbachs Stern zu sinken. Die politische Krise zwischen Frankreich und Preußen, die sich zum Krieg 1870/71 zuspitzte, brachte den Künstler zwischen alle Fronten. Von den Franzosen als „deutscher Spion” diskreditiert, von den Deutschen als „Vaterlandsverräter” gebrandmarkt, wurde ihm seine Internationalität zum Verhängnis. Das Publikum folgte ihm nicht mehr, der Bankrott war kaum noch zu verhindern. Und schwer krank hatte Offenbach nicht mehr die Kraft, das Ruder noch einmal herumzureißen. Über dem Versuch, mit der phantastischen Oper „Hoffmanns Erzählungen” den Fachwechsel zur großen Oper zu schaffen, stirbt der Meister und hinterlässt eine der schönsten Opern der Musikliteratur als Fragment.
Thomas Höft ist Direktor des Zentrums für Alte Musik Köln und arbeitet als Autor und Regisseur. Seine Stücke wurden u.a. an der Wiener Staatsoper, der Deutschen Oper Berlin, der Komischen Opern Berlin und bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt. Seit 1994 ist er zudem Dramaturg der styriarte Graz, des Festivals um Nikolaus Harnoncourt.
Lebensstationen
Kindheit in Köln
Jacques Offenbach wurde 1819 am Großen Griechenmarkt in Köln geboren. Sein Vater Isaac, ursprünglich aus Offenbach am Main, war Musiker, Kantor und Caféhausgeiger. In Köln erhielt Jacques eine umfassende musikalische Ausbildung und spielte schon als Kind mit seinen Geschwistern in den Gasthäusern der Stadt, um die Familie zu unterstützen.
Aufbruch nach Paris
1833 zog Offenbach mit seinem Vater und seinem Bruder Julius nach Paris. Dort wurde er zunächst am Konservatorium aufgenommen, entschied sich jedoch bald, lieber mit seinem virtuosen Cellospiel in Salons und Varietés aufzutreten. Ab 1835 spielte er im Orchester der Opéra Comique und nahm Kompositionsunterricht bei Fromental Halévy. In den 1840er-Jahren etablierte er sich in Paris als gefeierter Cellist. Er heiratete Herminie d’Alcain und konvertierte zum Katholizismus.
Durchbruch als Komponist
1855 gründete Offenbach während der Pariser Weltausstellung das „Théâtre des Bouffes-Parisiens“ und feierte mit Les deux Aveugles erste Erfolge. 1858 gelang ihm mit Orpheus in der Unterwelt der große Durchbruch – der berühmte Can-Can machte ihn europaweit bekannt. In den folgenden Jahren komponierte er zahlreiche Operetten, darunter Die schöne Helena, Blaubart, Pariser Leben und Die Großherzogin von Gerolstein. Offenbach wurde zum gefeierten Satiriker, der mit Witz und Scharfsinn die Gesellschaft seiner Zeit kommentierte.
Jahre der Krise
Die politische Krise zwischen Frankreich und Preußen 1870/71 bedeutete für Offenbach einen herben Rückschlag. Als deutscher Jude geriet er in Frankreich zunehmend in die Kritik und stand zwischen den Fronten. Trotz finanzieller Engpässe und gesundheitlicher Probleme arbeitete er unermüdlich weiter, tourte in Europa und schrieb neue Werke.
Das letzte Werk und Vermächtnis
Sein größtes Herzensprojekt, die Oper Hoffmanns Erzählungen, konnte Offenbach nicht mehr fertigstellen. Er starb 1880 in Paris, bevor die Uraufführung stattfand. Posthum wurde die Oper zu einem seiner größten Erfolge. Insgesamt hinterließ er rund 650 Werke, von denen nur ein Teil heute regelmäßig aufgeführt wird.
Offenbach gilt als Erfinder der modernen Operette, als genialer Melodiker und brillanter Gesellschaftskritiker. Köln, die Stadt seiner Kindheit, blieb für ihn stets ein wichtiger Teil seiner Identität – auch wenn die Anerkennung in seiner Heimat erst viel später wuchs.
„Rossini nannte ihn den ‚Mozart der Champs-Élysées‘ – ein Genie zwischen Leichtigkeit und Tiefe, das bis heute inspiriert.“
Weiterführendes zu Jacques Offenbach
Bei Wikipedia können Sie online einen ersten Überblick zu Leben und Werk finden: https://de.wikipedia.org/wiki/Jacques_Offenbach
Im Musikverlag Boosey & Hawkes erscheint die Offenbach-Edition Keck, die derzeit vermutlich am besten informierten Ausgaben von Werken des Komponisten: http://www.offenbach-edition.de/
Im Kölner Verlag Dohr sind einige Werke des Komponisten in fundierten Ausgaben erschienen, dazu findet hier auch wissenschaftliche Literatur zu Offenbach eine Plattform: http://www.dohr.de/autor/offenbach.htm
Offenbachiana - gerade auch solche, die heute nicht mehr publiziert zu erhalten sind - finden sich in öffentlichen Bibliotheken, allen voran die Bibliothèque nationale in Paris (http://catalogue.bnf.fr/) und die Österreichische Nationalbibliothek in Wien (https://search.onb.ac.at)
http://imslp.org/wiki/Category:Offenbach,_Jacques - frei verfügbare Noten
Online finden sich auch interessante Videos zu Offenbach, etwa bei Youtube der frei verfügbare Film "Offenbachs Geheimnis" von Oscar-Preisträger István Szabó mit den beiden kompletten Einaktern "Die beiden Blinden" und "Ritter Eisenfraß": https://www.youtube.com/watch?v=ZocmyOgqeOc